Die Geschichten der Melody Moonchild

Von  Oliver ‚Wyld Rose‘ Kyr, Tatjana und Bonnie Marie Kühr und noch viele andere wundervolle Menschen! Ein Projekt in der Zeit des Carona-Virus, wo die Menschheit in den Rückzug ging! In allen Sprachen zu finden in Facebook uner: https://www.facebook.com/groups/melodymoonchild/

Story 1

Melody Moonchild & die Schnee-Eule

„Zwei Wochen zu Hause?“
Melodys Augen fielen fast heraus.
Sie konnte es gar nicht glauben.
Ihre Mama zuckte mit den Schultern.
Irgendein Virus plagte die ganze Welt und die Politiker – das waren Menschen mit Krawatten, die im Fernsehen immer viel redeten – hatten jetzt bestimmt, dass alle Menschen zu Hause bleiben müssten.
Zwei ganze Wochen lang.
Wegen Ansteckung und so.

Melody Moonchild war acht Jahre alt. Sie hatte blaue Augen und sie liebte Abenteuer:

Am Nachmittag durchs hohe Gras streifen.
Sich von Butterblumen kitzeln lassen.
Die Füße in den kalten, sprudelnden Bach hängen.
Katzen in ihren Verstecken aufspüren. Sie hinter den Ohren kraulen.
Auf hohe Bäume klettern und die Welt von oben sehen.
Das alles liebte Melody sehr. Das war ihr Leben.
Aber zwei Wochen zu Hause bleiben? Nicht mehr rausgehen? Ihre Freunde nicht sehen?
Das würde bestimmt sehr langweilig…

Nach dem Abendessen kuschelte sich Melody Moonchild in ihr Bettchen. Sie umarmte ihr Plüsch-Einhorn mit dem magischen lila Horn und den gelben Sternen auf dem Rücken. Durch die Tür hörte sie ihre Eltern leise reden.
„Ich hab‘ Angst“, sagte ihre Mama auf einmal.
Plötzlich bekam Melody auch Angst.
Aber sie wusste nicht wovor.
Die Angst schlich sich in ihren Bauch. Sie schlich sich in ihren Kopf.
Melody drückte ihr kleines Einhorn ganz fest an sich und schloss die Augen.

Melody wachte auf und schaute sich verwirrt um.
Es war stockdunkel. Und es war bitterkalt.
Melody suchte ihr kleines Einhorn. Es war nicht da.
Melody hatte Angst. Im Bauch vor allem.
Sie sah sich in der Dunkelheit um. Ihr Herz schlug plötzlich ganz schnell.

Sie lag unter einem dunklen Baum, mitten im Wald.
Keine Decke, kein Bett, kein kleines Plüsch-Einhorn.
Die Angst in ihrem Bauch breitete sich aus, wie zäher Sirup. Melody atmete einmal tief durch. Dann schaute sie sich um.
Sie war alleine in einem finsteren Wald. Es war furchtbar kalt. Die Bäume rauschten im kalten Nachtwind.
Dann hörte Melody die gruseligen Geräusche.

„Rrrrrrr“, hinter einem Baum.
„Kchhchchchh“, dort unter einem Busch.
„Ssssssss“, direkt vor ihr.

Melody kreischte laut.
Wie war sie nur hierhergekommen?
Wer waren diese Waldwesen?
Würden sie Melody… auffressen?
Und… wie konnte sie wieder nach Hause finden?

Dann nahm Melody ihren ganzen Mut zusammen!
Ihr kleines Herz klopfte wie verrückt. Klopfte gegen die Angst in ihr an.
Melody stand mit einem Ruck auf, atmete tief ein und aus.
Dann sah sie auf einmal einen kleinen Lichtpunt: Weit weg, mitten im dunklen Wald.
Dort musste sie hin, das war Melody klar.
Zu dem Lichtpunkt.
Egal woher das Licht kam.
Und dann lief sie einfach los. Ängstlich, aber trotzig.
Schlüpfte durch dornige Büsche.
Tastete sich an knorrigen, knarzenden Bäumen vorbei.
Patschte mit ihren nackten Füßchen durch eklige Matschpfützen.
Streifte etwas Gruseliges aus Fell, das böse knurrte.

Melody hatte riesige Angst.
In ihrem Bauch.
In ihrem Kopf.
Aber dann hatte sie eine Idee. Schließlich hieß sie Melody…
Sie begann, eine kleine, leise Melodie zu summen.
Und die Angst ging ein bisschen weg. Nur ein bisschen, aber das machte Melody Mut.
Vielleicht, dachte sie, mag die Angst mein Singen nicht.
Gut so!

Das warme Licht, das zuerst nur ein kleiner Punkt war, wurde größer.
Erst wie ein Stecknadelkopf.
Dann wie eine Untertasse.
Dann wie ein kleiner See aus Licht.
Ein letztes dichtes Gebüsch noch, dann stand Melody Moonchild auf einer kleinen Lichtung. Mit vor Staunen offenem Mund guckte sie nach oben.
Dort, mindestens 10 Meter über ihr, saß auf einem dicken Ast eine weiße Schnee-Eule und schaute sie aus großen, liebevollen Augen an.
Die Schnee-Eule war umgeben von warmem Licht, das die ganze Lichtung einhüllte. Wie eine Seifenblase aus Licht…
Die Sterne und der Halbmond auf Melodys Schlafanzug glühten.
Der Waldboden glitzerte magisch.
Sogar Melodys Herz glühte, wie durch Zauberei.

„Hallo Eule“, wisperte Melody.
„Schuuuhuuu, hallo Melody“, gurrte die Eule zurück.
Woher kannte die Eule denn Melodys Namen?
„Ich hatte so Angst“, flüsterte Melody.
„Ich weiß“, schuhuuute die Eule zurück, „Angst ist nicht schön. Aber weißt du was:
Bleib‘ einfach in meinem Licht.
Da traut sich die Angst nicht hin.“
„Echt nicht?“, fragte Melody.
„In Tausend Jahren nicht“, lachte die Eule.
‚Stimmt‘, merkte Melody.
Die Angst war auf einmal weg.
„Ist das ein Zauberlicht?“, fragte sie die Eule.
Die Eule lachte herzlich: „Natürlich.“
„Wie heißt du?“, fragte Melody die Schnee-Eule.
„Luzie-Lu“, sagte die Eule.

Es war schön, hier auf der Lichtung im friedlichen Licht der Schnee-Eule zu stehen.
Aber Melody wollte heim.
Zu ihrer Mama und ihrem Papa.
Und als ob die Eule Gedanken lesen konnte, gurrte sie
„Komm‘ ich bring‘ dich heim.
Bleib‘ einfach in meinem Licht…“

Und schon breitete die Eule ihre Flügel aus. Sie flog los.
Langsam, ganz langsam.
So dass Melody ihr im Lichtschein folgen konnte.
Luzie-Lu flog sicher und elegant durch den dunklen Wald. Melody stolperte ihr hinterher.
Fiel fast über eine Wurzel.
Blieb einmal fast im Schlamm stecken.
Verhedderte sich im Dornengestrüpp.
Aber die Angst in ihrem Bauch und in ihrem Kopf waren weg. Als ob die Angst sich nicht ins Licht der Schnee-Eule trauen würde.
Hätte ich bloß so ein Licht, dachte Melody Moonchild.
Dann hätt‘ ich nie mehr Angst.

So flogen und stapften die Eule und das Mädchen durch den Wald.
Und endlich sah Melody ihr Haus vor sich.
Dort, auf dem kleinen Hügel.
Hell waren die Fenster. Voller Licht.
Die Schatten von Mama und Papa bewegten sich hinter den Fenstern.
Bestimmt warteten sie schon auf Melody.
Melody schaute hoch. Sie wollte sich bei Luzie-Lu, der lieben Schnee-Eule bedanken.
Aber da war keine Eule mehr im dunklen Nachthimmel über ihr.
Verwirrt guckte Melody sich um. Keine Eule weit und breit.
Aber das warme Licht strahlte immer noch um Melody herum.
Wie ging das denn? Ohne die Eule?

Und dann gurrte die Stimme von Luzie-Lu leise in Melodys Ohr:

„Liebe Melody, weißt du denn nicht?
Ich lebe in dir drin.
In deinem Herz.
Ich lebe in jedem Herz.
Von jedem Menschen auf der Welt.
Und wer mein Licht braucht
der sagt einfach den Zauberspruch:
‚Schuhuu, Luzie-Lu, Schuhuu‘.
Und schon brennt das Licht.
Um euch herum.
Auch wenn ihr es nicht seht.
Und die Angst wird sich
nicht mehr zu euch trauen.“

Und tatsächlich:
Immer wenn Melody die Angst in ihrem Bauch spürte.
Immer wenn Melody von nun an die Angst in ihrem Kopf spürte.
Dann sagte sie leise den Zauberspruch:
‚Schuhuu, Luzie-Lu, Schuhuu.‘
Und dann kam das Kribbeln in Melodys Herz.
Und dann spürte sie das warme Licht um sich herum.
Und die Angst verflog.

Einfach so.

Und als Melody Moonchild am nächsten Morgen in ihrem Bettchen aufwachte, freute sie sich schon auf das nächste Abenteuer.

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Story 2

Melody Moonchild & der traurige Nachbarsjunge

„He, schläfst du? Hallo, Faulpelz, aufwachen…!“
Melody Moonchild lag in ihre Decke gekuschelt. Ihr Plüsch-Einhorn Clara hielt sie fest in einer Hand.
Sie gähnte. Hatte da jemand gesprochen?
„He da, kleines Mädchen…! Aufwachen!“, wisperte die feine, helle Stimme.
Direkt in Melodys Ohr.
Melody öffnete vorsichtig ein Auge.
Dann riss sie beide Augen weit auf.
Vor ihr auf dem Kopfkissen saß ein kleines, wunderschönes Wesen mit Flügeln.
Es war nicht größer als das kleine Plüsch-Einhorn.
Aus seinen Flügeln blitzten lustige Sterne aus Licht.
Wie eine elegante, zauberische Dame sah sie aus.
Nur eben sehr klein.

„Wer bist du?“, fragte Melody schlaftrunken.
Draußen ging bereits die Sonne auf. Ihre Strahlen warfen warmes, oranges Licht in Melodys Zimmer.
„Na, eine Fee“, sagte die Fee keck. „Sieht man doch, oder?“
Melody glotzte die Fee verwirrt an. Gab es tatsächlich Feen? Oder war das ein Traum?
„Nee, kein Traum“, lächelte die Fee.
Als ob sie Melodys Gedanken lesen konnte.
„Komm‘ schnell, Melody. Wir müssen einem kleinen Jungen helfen“, sagte die Fee.
Sie schlug ihre Flügelchen aneinander.
Und ein kleines Wölkchen Feenstaub schwebte um sie herum.

„Einem Jungen?“, fragte Melody, die jetzt langsam wach wurde.
„Deinem Nachbarn“, antwortete die Fee ungeduldig. „Komm‘ jetzt…“
„Aber es ist doch Quarantäne-Dings, ich darf gar nicht raus“, sagte Melody.
Die Fee lachte.
„Kein Problem. Ich zaubere uns hin.“

Plötzlich war Melodys Zimmer voller Feenstaub.
Der Feenstaub wirbelte im Kreis.
Der Feenstaub glitzerte wie Tausend Sonnen.
Der Feenstaub hüllte Melody Moonchild ein.
Und dann verzog sich der Feenstaub. So als ob ihn ein unsichtbares Wesen weggepustet hätte.

Melody sah sich verwundert um:
Sie stand am Gartenzaun ihrer Nachbarn. Vor ihr schwirrte die Fee ungeduldig durch die Luft und zeigte mit ihrem klitzekleinen Zeigefingerchen auf einen kleinen Jungen: Melodys Nachbar Jonas. Ein Sechsjähriger, mit dem Melody noch nie gespielt hatte. Die Familie war erst letzte Woche hierher gezogen.
Jonas saß mit hängendem Kopf auf einer Schaukel. Weinte er etwa?
„Ja, er weint, der Arme“, wisperte die Fee, die wohl wirklich Gedanken lesen konnte.
„Und was soll ich jetzt machen?“, fragte Melody und schaute die Fee neugierig an.
„Lass‘ dir was einfallen, Melody Moonchild“, lachte die Fee.
Dann war die Fee weg. Einfach so.

Melody atmete tief ein und aus.
Sie hatte immer noch ihr Plüsch-Einhorn Clara in der Hand. Das mit dem magischen lila Horn und den gelben Sternchen auf dem Rücken.
Melody schaute ihr Einhorn fragend an. Als ob es ihr antworten könnte.
Dann schaute sie zu Jonas und rief ihn.
„He, Jonas. He, du!“
Der kleine Junge, der Jonas hieß blickte auf. Betrachtete Melody aus der Entfernung.
„Komm‘ mal her, Jonas. Bitte“, rief Melody.
Jonas stand langsam von der Schaukel auf und trottete mit hängendem Kopf zu Melody hinüber.
Dann standen sich die beiden gegenüber.
Jonas auf der einen Seite des Gartenzauns.
Melody auf der anderen Seite.
„Ich bin Melody Moonchild“, sagte Melody.
Jonas sagte gar nichts.
Eine kleine Träne lief über sein Gesicht.
„Ich wohne nebenan“, sagte Melody.
Und wieder sagte Jonas nichts. Er schniefte nur ein wenig mit seiner Nase.
Melody wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn nur die Schnee-Eule hier wäre und ihr helfen könnte.
Aber dann erinnerte sie sich an den Zauberspruch aus ihrem letzten Abenteuer:

„Schuuuhuuu, Luzie-Lu, Schuuuhuuu“, flüsterte sie leise.

Und schon spürte Melody das Kribbeln im Herzen.
Und schon spürte Melody das warme Licht der Eule.
Das sie einhüllte wie eine Seifenblase aus Licht.
Und Jonas schien das magische Licht auch zu spüren.
Er schaute Melody mit großen Augen an.
Und lächelte sogar ein bisschen.
Melody lächelte Jonas an.
„Warum weinst du denn, kleiner Jonas?“, fragte sie ihn.
Jonas schniefte noch einmal.
„Na ja, dieses Quarantino-Dings… Quarontena…“
„Quarantäne“, half ihm Melody.
„Ja“, sagte Jonas. „Meine Eltern schauen den ganzen Tag Nachrichten. Und sie sagen, dass alles ganz schlimm ist. Und nichts gut wird…. Und…“

Dann fing Jonas wieder an zu weinen. Er schluchzte.
Seine Schultern zitterten.
Große, dicke Tränen liefen seine Wangen hinunter.
Was konnte Melody jetzt tun?
Die Fee war nicht mehr da. Sie konnte ihr jetzt nicht helfen.
Dann hatte Melody eine Idee!
Sie würde Jonas eine Geschichte erzählen.
Geschichten trösten, das wusste Melody. Ihr Papa erzählte ihr jede Nacht eine Geschichte. Und dann konnte sie prima einschlafen.

Melody hielt ihr kleines Plüsch-Einhorn hoch.
Jonas wischte sich die Tränen aus den Augen und schaute Melody gespannt an.
Melody atmete tief ein. Sie hatte noch nie eine Geschichte erfunden.
Wie ging das denn?
Dann sah Melody aus dem Augenwinkel, wie ein klitzekleines Glitzersternchen hoch über ihr auf sie hinunterschwebte und auf ihren Lippen landete.
Und Melody begann zu erzählen.
Einfach so…

„ES WAR EINMAL ein kleines Einhorn.
Das hatte ein lila Horn.
Und es hatte kleine gelbe Sterne auf dem Rücken.
Es hieß Clara, das Einhorn.
Und es konnte zaubern.“

„Was konnte Clara denn zaubern?“, unterbrach Jonas.
„Na, sei geduldig“, lachte Melody.
Das Geschichtenerzählen gefiel Melody.
Und sie erzählte weiter…

„DAS KLEINE EINHORN namens Clara konnte etwas ganz Besonderes:
Nämlich: Angst wegzaubern!
Wenn es ein Kind sah, das weinte, dann schnupperte Clara kurz an seinem Herz.
Dann schnaubte sie
Und dann wieherte sie
Und dann rieb sie ihre Schnauze an dem Kind
Und saugte die Angst einfach raus.
Einfach so.“

„Einfach so?“, fragte Jonas.
„Einfach so“, sagte Melody.
„Und die Angst kam nicht mehr zurück?“
„In Tausend Jahren nicht“, lachte Melody.
Dann stupste sie mit ihrem kleinen Einhorn gegen Jonas‘ Brust. Dort, wo Jonas Herz war.
Und sie ließ ihr kleines Einhorn schnauben.
Und sie ließ ihr kleines Einhorn wiehern.
Und sie rieb die Schnauze des Einhorns gegen Jonas Hemd, bis er laut kicherte.
„Wow, die Angst ist weg“, lächelte Jonas.
„Sag‘ ich doch“, lächelte Melody Moonchild zurück.

Sehnsüchtig betrachtete Jonas das kleine Plüsch-Einhorn in Melodys Hand.
„Schenkst du mir dein Einhorn?“, fragte er schüchtern.
Sehr schüchtern.
Und ganz leise.
Melody schaute Jonas mit großen Augen an.
Ihr kleines Lieblingstier verschenken?
Mit dem sie schon als Baby eingeschlafen war?
Das sie getröstet hatte, all die Jahre, wenn sie traurig war?
Ohne dass sie vielleicht gar nicht einschlafen konnte?
Plötzlich saß die Fee vor Melody auf dem Gartenzaun und zwinkerte ihr zu.
Und Melody verstand. Auch ohne Worte.

Behutsam reichte sie Jonas ihr kleines Plüsch-Einhorn über den Zaun.
Jonas nahm das Einhorn vorsichtig und strahlte vor lauter Glück.
Und mit einem Mal war Melody erfüllt von Glück.

Sie sah die Freude in Jonas‘ Augen und das machte sie überglücklich.
Als ob Tausend Sonnen in ihrem Herzen scheinen würden.

Dann wirbelte eine Wolke glitzernder Feenstaub um sie herum auf und als sie wieder klar sehen konnte, saß sie in ihrem Bettchen zu Hause.
Nur einen Moment bevor Mama hereinkam, um sie aufzuwecken.
Und als Melody Moonchild zum Frühstück in die Küche kam, bemerkte sie ein paar klitzekleine Sternchen auf ihrer Schulter.
Feenstaub…

Und als sie ihren warmen Kakao ausgetrunken hatte, freute sie sich schon auf das nächste Abenteuer.

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Story 3

Melody Moonchild & der sprechende Baum

Melody Moonchild träumte.
Einen schönen Traum.
Von ihrer Freundin, der Schnee-Eule Luzie-Lu.
Und von ihrer Freundin, der magischen Fee.
Dann wachte sie auf. Ganz plötzlich.
Ihr Zimmer war dunkel, durchs Fenster konnte sie unscharf den Halbmond am Nachthimmel sehen. Warum war sie aufgewacht?
Es war, als ob jemand sie gerufen hätte.

Melody stand auf. Rieb sich verschlafen die Augen. Gähnte.
Sie suchte ihr kleines Plüsch-Einhorn.
Aber das hatte sie ja Jonas geschenkt.
Sie schaute zum Fenster hinaus. Betrachtete den riesigen Kastanienbaum im Garten, der sich ganz leicht im Wind neigte.

Sie bemerkte einen dunkelblauen Schmetterling, der träge auf ihr Fenster zu flatterte.
Der Schmetterling setzte sich außen auf das Glas. Er schien sie anzuschauen.
Was für eine mysteriöse Nacht!
Melody berührte die kalte Scheibe ihres Zimmerfensters. Genau da wo außen der Schmetterling saß. Der Schmetterling zuckte mit seinen Flügeln, dann flog er ins Dunkel der Nacht, auf den alten Kastanienbaum zu.

In den letzten beiden Nächten war Melody einer weisen Schnee-Eule und einer echten Fee (mit echtem Feenstaub) begegnet. Also vielleicht, nur vielleicht, begann heute Nacht ihr drittes Abenteuer…?
Schnell trippelte Melody nach unten, zog ihre Gummistiefel an, die mit den rosa Elefanten darauf, und öffnete leise die Haustür.
Es war ja Quarantäne-Dings, aber in den Garten durfte sie.
Und alleine in die Dunkelheit?
Schnell sagte sie ihren Zauberspruch auf:

„Schuuhuuu, Luzie-Lu, Schuuhuuu“.

Und schon spürte sie das Licht in ihrem Herzen und die Angst verflog.

Vorsichtig schlich Melody zu der alten Kastanie, die sich dunkel vor dem Nachthimmel erhob. Das Mondlicht warf silbrig glänzendes Licht auf die dicken, knorrigen Äste des Baumriesen.
Als Melody mit klopfendem Herzen vor der Kastanie stand, bemerkte sie den blauen Schmetterling, der auf der dicken Rinde des Baumstammes saß. Er flatterte lustig mit den Flügeln.
„Melody…“, flüsterte eine Stimme.
Aber nicht in Melodys Ohren, nein, eher in ihrem… Kopf.
Wie ein Gedanke, der einem plötzlich zufliegt.
„Äh, ja. Hallo…? Wer spricht?“, sagte sie laut.
Keine Antwort.
Aber der dunkelblaue Schmetterling flatterte wieder wie wild mit den Flügeln. Dann segelte er los und verschwand.
Melody näherte sich dem dicken Stamm der Kastanie.
Vorsichtig legte sie eine Hand auf die raue Rinde.
„Hallo, Melody“, tönte wieder die tiefe, aber sanfte Stimme in ihren Gedanken.
„Magst du mich umarmen?“

Melodys Mund blieb offen stehen vor Staunen.
Hatte die Kastanie sie gerade gefragt, ob sie sie umarmen wollte?
Bäume können doch nicht sprechen. Sie haben doch gar keinen Mund…
Aber gut, Melody Moonchild liebte Abenteuer und also breitete sie die Arme aus. Sie legte sie um den dicken Stamm der Kastanie.
„Ah, das tut gut“, sagte die Stimme in ihren Gedanken.
Melody zuckte erschrocken zusammen.
Sie redete mit einem Baum!
In ihren Gedanken!
„Was jetzt?“, fragte sie. Nicht mit ihrem Mund, sondern auch mit einem Gedanken.
„Leg‘ deine Stirn an meine Rinde“, schlug die Kastanie vor.
Und Melody legte ihre Stirn an die harte Rinde des Baums.
Plötzlich fühlte sie ein sanftes, beruhigendes Vibrieren in sich.
Dieses Gefühl war neu.
Aber Melody hatte keine Angst.

„Du bist ein mutiges Mädchen“, sagte der Baum.
„Und du bist ganz schön alt“, dachte Melody lächelnd.
„253 Jahre“, sagte die Kastanie stolz.
„Wow, ich bin erst acht“, dachte Melody.
„Und in all den 253 Jahren bist du das mutigste Mädchen, das ich gesehen habe“, sagte der Baum.
Melody errötete. Ein Kompliment von einem Baum. Das war ja schon etwas Besonderes…!
„Können alle Menschen mit Bäumen sprechen?“, fragte sie. In Gedanken, natürlich.
„Nein“, sagte der Baum leise. „Um mit Bäumen zu sprechen, muss man Geduld haben. Man muss zuhören können. Und das haben die Menschen leider beides vergessen.“

„Ich mag mit dir reden“, sagte Melody liebevoll.
„Und ich habe ein Geschenk für dich“, sagte der Baum.
Melody schaute die Kastanie fragend an.
„Schau‘ mal, über dir“, raunte der Baum. „Siehst du das Astloch da?“
Melody schaute an der knorrigen Rinde hoch, und ja: da war ein Astloch. Etwa eine Handbreit über ihrem Kopf.
„Durch die Astlöcher kann meine Seele nach draußen schauen“, sagte die Kastanie.
„Ihr Bäume habt eine Seele?“, fragte Melody neugierig.
„Na klar“, lachte der Baum. „Meinst du, nur ihr Menschen habt die?“

Melody streckte sich.
Melody reckte sich.
Melody streckte ihre Hand aus.
Und ihre Finger fanden etwas.
Etwas Kaltes, aus Metall und Glas.
Melody schloss ihre Finger um den geheimen Gegenstand.
Zog ihn heraus.
Öffnete ihre Hand und schaute staunend auf ihren Fund.
Es war eine silberne Kette, an der ein dunkelblauer Anhänger hing.
Ein Schmetterling aus Glas.
Die Kette war wunderschön. Sie funkelte magisch im silbrigen Mondlicht.
„Darf ich sie anziehen?“, fragte Melody. In Gedanken natürlich.
„Aber sicher“, lachte der Baum.
Melody legte die Kette um ihren Hals, dann umarmte sie die Kastanie dankbar.
„Es ist ein Zauber-Anhänger“, sagte die Kastanie.
„Vor vielen, vielen Jahren gehörte sie einem Mädchen, das hier lebte. Ein Mädchen, das fast genau so mutig war wie du. Und als das Mädchen eine alte Großmutter war, hat sie mir den Anhänger anvertraut. Und hat mir gesagt, dass ich ihn eines Tages einem mutigen Mädchen geben soll…“

Melody drückte ihre Stirn gegen die harte Baumrinde.
„Danke, liebe alte Frau“, sagte sie in Gedanken. „Danke, liebe Kastanie.“
„Ich freue mich, dass ich wieder jemanden zum Reden habe“, sagte die Kastanie.
„Was macht der Zauber-Anhänger?“, fragte Melody die Kastanie.
„Der kleine blaue Schmetterling aus Glas erlaubt dir, mit allen Pflanzen zu sprechen“, sagte die Kastanie mit tiefer, zauberischer Stimme.
„Mit allen?“, fragte Melody aufgeregt.
„Mit allen“, bestätigte die Kastanie.

Als Melody wieder in ihrem Bett lag, schlug ihr Herz so schnell wie noch nie.
Sie war einem Schmetterling gefolgt.
Sie hatte mit der alten Kastanie gesprochen.
Und sie hatte einen magischen Anhänger aus einer anderen Zeit gefunden.
Dankbar schloss sie ihre Finger um den dunkelblauen Schmetterling aus Glas.
Es gab also doch Wunder & Magie.
Und Melody Moonchild hatte das Gefühl, dass sie noch mehr davon finden würde…

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Story 4

Melody Moonchild & die Rose

Ganz früh am Morgen schlüpfte Melody Moonchild aus dem Bett.
Die Sonne lugte gerade eben so über den Horizont.
Draußen war es nicht mehr dunkel aber auch noch nicht hell.
Schnell zog sich Melody eine warme Jacke über den Schlafanzug. Sie schlich die knarrende Treppe nach unten. Ganz leise, so dass sie ihre Eltern nicht weckte.
Sie öffnete die Haustür.
Und schon stand sie im Garten. Atmete die kalte Morgenluft ein. Schaute sich um.
Mit welcher Pflanze würde sie heute sprechen?

Melody legte das silberne Kettchen mit dem dunkelblauen Schmetterling-Amulett um.
Ihr kleines Herz klopfte vor Vorfreude.
Ob es wirklich funktionieren würde?
Sie zwinkerte ihrem Freund, dem Kastanienbaum, zu. Aber der schien noch zu schlafen.
Schlafen Bäume?, fragte sich Melody. Na, wahrscheinlich schon, nach so einer aufregenden Nacht wie gestern.
Melody drehte sich auf den Zehenspitzen – wie eine Ballerina – im Kreis und schaute sich die Pflanzen im Garten an.

Vielleicht mit dem Apfelbaum sprechen?
Oder mit der Hecke am Zaun?
Mit dem Gras vielleicht? Das waren ja auch Pflanzen.
Dann blieb Melodys Blick an Mamas Rosengarten hängen.
Eine der Rosen, eine schöne dunkelrote mit langem Stiel und funkelnden Dornen, schien sie anzuschauen.
Also gut, dachte Melody. Mal schauen, ob es funktioniert.
Melody war sehr aufgeregt.
Bis gestern Nacht hatte sie gar nicht gewusst, dass man mit Pflanzen sprechen kann.
Und jetzt ging sie schon selbst auf Entdeckungsreise…

Melody stand vor der Rose.
Wunderschön, wie die Rose ihre Blätter aufgefächert hatte.
Melody näherte ihr Näschen und genoss den Duft der Rose.
Dann setzte sie sich ins weiche Gras und schaute die Rose an.
Was jetzt?
Geduld und Stille, hatte die Kastanie gestern Nacht gesagt.

„Hallo, Rose“, flüsterte Melody.
Aber dann fiel ihr ein, dass man mit Pflanzen in Gedanken redet.
Also nochmal:
„Hallo, Rose“, diesmal in Gedanken.
Aber die Rose antwortete nicht.
Melody war enttäuscht.
„HALLO ROSE!“ Ihre Stimme wurde jetzt lauter, natürlich nur in Gedanken.
Aber wieder keine Antwort.
Traurig stand Melody auf. Es funktionierte nicht. Schade…
Melody lief wieder zum Haus.
„Gibst du immer so schnell auf?“
Melody drehte sich erschrocken um.
„Warst du das, Rose?“
„Klar“, antwortete die Rose in Gedanken.
Schnell trippelte Melody wieder zur Rose. Setzte sich wieder ins Gras und lächelte die wunderschöne rote Rose an.

MELODY: Guten Morgen, liebe Rose.
ROSE: Guten Morgen, Melody. Wie ich sehe, hast du den magischen Anhänger gefunden…
MELODY: Ja, die Kastanie hat ihn mir geschenkt.
ROSE: Hast du dich bei ihr bedankt?
MELODY: Natürlich!
ROSE: Wie kann ich dir helfen an diesem wunderschönen Morgen, liebe Melody?
MELODY: Na ja, wir haben jetzt keine Schule. Vielleicht kannst du mir was beibringen?
ROSE: Du möchtest eine Rose als Lehrerin?
MELODY: Ja, das wäre fein…
ROSE: Weißt du, Melody, dass es uns Pflanzen Spaß macht, euch zu helfen?
MELODY: Echt?
ROSE: Ja, natürlich. Aber ihr Menschen fragt uns ja leider nie. Ihr denkt wahrscheinlich, wir sind einfach nur dumme Pflanzen.
MELODY: Ich denke das nicht!
ROSE: Ich weiß…

Und dann begann die erste Lektion, die erste Rosen-Schulstunde, sozusagen…
Wenn jemand Melody vor einer Woche gesagt hätte, dass sie sich mit einer Rose unterhalten würde. Dass die Rose sogar ihre Lehrerin sein würde. Was hätte sie gelacht.
„So ein Blödsinn“, hätte sie gesagt.
Aber jetzt, auf einmal, passierte es.
Einfach so…

„Setz‘ dich ganz gemütlich hin und schließ‘ die Augen, Melody“, sagte die Rose.
Ihre Stimme war sehr freundlich und sehr sanft.
Melody machte es sich im Gras so richtig gemütlich.
„Jetzt schließ‘ die Augen und leg‘ deine Hände auf die Knie.“
Melody saß im Schneidersitz und legte ihre Hände auf die Knie.
„Hast du schon einmal meditiert?“, fragte die Rose.
„Medikiert?“, fragte Melody.
„Nein“, lachte die Rose. „Meditiert.“
„Nee, kenn‘ ich nicht“, sagte Melody in Gedanken.
„Also los“, flüsterte die Rose.

Und die Rose führte Melody durch ihre erste echte Meditation:
Augen geschlossen lassen (das fiel Melody besonders schwer).
Tief und ruhig einatmen. In den Bauch.
Dann wieder ausatmen.
Nicht zu schnell.
Und nur noch auf den Atem konzentrieren.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
„Kommen Gedanken in deinem Kopf?“, fragte die Rose.
„Ja“, sagte Melody. „Ganz schön viele…“
„Welche denn?“, fragte die Rose.
„Na, das Quarantäne-Dingsbums. Dass ich nicht mit meinen Freunden spielen kann. Was ist eigentlich ein Virus? Und so Sachen…“
„Dann stell‘ dir jetzt vor, dass die Gedanken wie Wolken sind“, schlug die Rose vor. „Und lass‘ sie einfach vorbei ziehen. Schau sie an und lass sie los.“
Es dauerte eine kleine Weile, bis Melody es schaffte. Aber dann konnte sie aus jedem Gedanken eine kleine Wolke zaubern und sie vorbei ziehen lassen.

So saß Melody fast zehn Minuten bei der Rose im Gras.
Ihre allererste Meditation.
Schließlich sagte die Rose:
„Das reicht, liebe Melody. Genug meditiert für heute.“
Melody öffnete die Augen.
Die Sonne war jetzt schon ein bisschen aufgegangen, und ihre Strahlen wärmten Melodys nackte Füße.
„Wie geht es dir jetzt?“, fragte die Rose.
„Ich bin ganz ruhig, ganz friedlich“, sagte Melody. „Und die Gedanken wegen dem Quarantäne-Dings sind alle weg.“
Die Rose lachte fröhlich: „Genau so soll das sein.“
„Danke, liebe Rose“, sagte Melody.
„Gerne“, sagte die Rose. „Schau‘ an, es gibt noch Menschen, die Danke sagen zu den Pflanzen…“

„Darf ich dich streicheln?“, fragte Melody.
„Ganz vorsichtig, ja“, erlaubte ihr die Rose.
Zärtlich strich Melody mit ihren Fingern über die Blütenblätter der Rose. Über die Blätter am Stängel. Und dann tupfte sie mit ihrem Daumen ganz, ganz vorsichtig auf eine der Stacheln.
Das piekste!
„Weißt du, Melody“, sagte die Rose, „wenn man ganz lange ganz schnell rennt, dann ist man irgendwann erschöpft und braucht eine Pause.“
„Stimmt.“
„Und beim Denken ist das auch so. Die Menschen denken die ganze Zeit. Über die Zukunft. Über die Vergangenheit. Über dies. Und über das. Immer denken sie.“
„Ist das schlimm?“, fragte Melody.
„Nein“, lachte die Rose. „Das ist nicht schlimm. Aber vor lauter Denken vergisst man zu leben…“

Am Abend, vor dem Schlafengehen, probierte Melody nochmal dieses Meditieren aus.
Nur ein paar Minuten.
Und tatsächlich schlief sie schnell und friedlich ein.

Und ihr letzter Gedanke, bevor sie ins Land der Träume huschte, war:
„Danke, liebe Rose…“

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Story 5

Melody Moonchild & die Freundschaft

„Guten Morgen, liebe Lehrerin Rose“, flüsterte Melody Moonchild.
In Gedanken natürlich.
Melody war wieder sehr früh aufgestanden und hinaus in den Garten gestromert.
Hatte sich ins weiche Gras gesetzt.
Direkt neben ihrer neuen Freundin, der Rose.
„Guten Morgen, liebe Melody“, flötete die Rose, „wie hast du heute Nacht geschlafen?“
„Wie ein Stein. Ganz friedlich und ganz ruhig.“
„Wie schön“, freute sich die Rose. Und fast dachte Melody, sie hätte ein Lächeln auf den Blütenblättern der Rose gesehen.

„Was darf ich heute lernen?“, fragte Melody.
„Heute erzähle ich dir eine Geschichte über Freundschaft“, erklärte die Rose.
Melody machte es sich im Gras gemütlich und lauschte der sanften Stimme ihrer Blumen-Freundin…

„ES WAR EINMAL ein kleiner Kolibri.
Der Kolibri lebte im Dschungel in Südamerika. Inmitten von Millionen von Bäumen und verschiedenen Tieren.
Dem Kolibri gefiel der Dschungel sehr, denn er war voller Geräusche.
Das SSSSSSSS von Insekten.
Das SCHSCHSCHSCH der Abermillionen von grünen Blättern ringsumher.
Das KEKEKEKEKE der Affen, die lustig von Baum zu Baum sprangen.
Leider hatte der Kolibri sich an einem Flügel verletzt. Und nun konnte er nicht mehr lustig umherfliegen.
Traurig und ängstlich hüpfte der Kleine durch den dichten Dschungel. Jetzt würde er leichte Beute für Raubtiere sein.
Und schon sprang ein großer, gefleckter Jaguar aus einem Busch heraus.
Er öffnete sein gefährliches Maul.
Fletschte die spitzen Zähne.
Und knurrte hungrig: RRRRRRRR.
Das Herz des kleinen Kolibris klopfte panisch. Jetzt würde er gefressen werden…
Aber er versuchte sein Glück und bot dem Jaguar seine Freundschaft an:
„Lieber Jaguar, lass uns doch Freunde sein!“, piepste er.
„Freunde?“, höhnte der Jaguar, „ich brauche keine Freunde.“
„Hast du denn welche?“, fragte der Kolibri schlau.
Der Jaguar stutze und überlegte.
„Nein“, sagte er dann. „Brauche ich aber auch nicht. Ich habe seit 2 Wochen nichts gegessen. Wenn ich dich nicht auffresse, werde ich verhungern.“
„Freundschaft ist wichtiger als Hunger. Einem Freund kann man nämlich vertrauen“, piepte der Kolibri mit zitternder Stimme.
„Vertrauen“, grollte der Jaguar und sah den Kolibri interessiert an.
„Ja“, lachte der Kolibri.

Der Jaguar öffnete sein riesiges Maul noch weiter. Seine spitzen, weißen Zähne funkelten.
„Also wenn du mein Freund sein willst, dann komm!“, forderte der Jaguar den Kolibri auf.
„Spring‘ in mein Maul!“
Der Kolibri piepste erschrocken: „Aber dann frisst du mich auf. Ich bin doch nicht blöd.“
„Freundschaft beginnt mit Vertrauen“, brummte der Jaguar, ohne sein Maul zu schließen.
Mit großen Augen starrte der Kolibri den Jaguar an.
Dann nahm er all seinen Mut zusammen.
Mit kleinen Sprüngen hüpfte er auf den grinsenden Jaguar zu.
Dann hopste er mitten ins geöffnete Maul des Jaguars.
Und blieb zitternd auf dessen Zunge sitzen.
Der Kolibri schloss die Augen und wartete auf den Biss der entsetzlich großen Zähne.
Aber nichts passierte.
Dann lachte der Jaguar. Seine Stimme klang ein bisschen dumpf, denn er hatte ja einen Kolibri im Maul.
„Du hast Recht, kleiner Kolibri“, sagte er anerkennend. „Freundschaft ist größer als Hunger.“
„Stimmt“, piepste der Kolibri kleinlaut. „Und Freundschaft ist auch größer als Angst.“
Und so wurden die beiden die besten Freunde.
Der Jaguar beschützte den Kolibri, wenn er in Gefahr war.
Wenn zum Beispiel eine Riesen-Anakonda den Kolibri überraschte!
Dann hüpfte der Kolibri schnell ins Maul des Jaguars, und der Jaguar schaute die Anakonda böse an, bis sie sich davon machte.
Und so lernten die beiden, einander zu vertrauen.“

„Wow“, staunte Melody, als die Rose zu Ende erzählt hatte. „Was für eine wunderschöne Geschichte…“
Melody streichelte sanft die Blütenblätter der Rose.
„Weißt du, Melody“, flüsterte die Rose. „Alle Liebe fängt mit Vertrauen an. Die Menschen wollen gerne das Leben lieben, aber sie schaffen es nicht. Weißt du jetzt wieso?“
„Ja“, flüsterte Melody andächtig zurück. „Weil sie dem Leben nicht vertrauen.“
Die Rose schien zu lächeln.

Am Abend erzählte Melody ihren Eltern von der Lektion der Rose.
Und obwohl Mama und Papa ihr nicht so ganz glaubten, dass sie wirklich mit einer Rose gesprochen hatte, staunten sie über die Geschichte mit dem Jaguar und dem Kolibri.
„Ich vertraue dir, Papa. Und dir, Mama“, sagte Melody. „Und der Rose und dem Kastanienbaum.“
Dann umarmte sie ihre Eltern und eilte die knarrende Treppe hoch in ihr Zimmer, um schlafen zu gehen.

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Story 6

Melody Moonchild, der Baum & der Blitz

„Warum werden Menschen krank?“, fragte Melody Moonchild die Rose.
Die Rose schien Melody neugierig anzuschauen.
„Warum denkst du, dass man krank wird, liebe Melody?“, fragte sie sanft.
„Keine Ahnung. Vielleicht weil wir etwas falsch machen. Oder einfach Zufall?“
Die Rose lachte. In Melodys Gedanken natürlich.
„Krankheit ist keine Bestrafung, liebe Melody“, sagte die Rose. „Soll ich dir eine Geschichte über die Krankheit erzählen?“
„Ja, bitte“, freute sich Melody.
Es war wieder früh am Morgen. Melody hatte ihren dicken Bademantel über den Schlafanzug gezogen und saß im weichen Gras vor Mamas Rosengarten.
Ein paar frühe Vögel zwitscherten in den Ästen der Kastanie, und Melody liebte diese friedliche Frühmorgen-Stimmung.
„Es ist eine Geschichte aus dem Amazonas-Dschungel“, raunte die Rose geheimnisvoll.

„Au fein“, freute sich Melody und klatschte in die Hände.
Dann begann die Rose zu erzählen…:

„ES WAR EINMAL ein Baum. Ein schöner, großer Baum.
Seine vielen, dicken Äste hingen voll mit grünen, saftigen Blättern.
Und es hingen sehr viele süße Früchte an den Zweigen des Baumes.
Der Baum fand, dass er weit und breit der schönste Baum im Amazonas war.

Keiner der anderen hatte so viele Blätter und so viele Früchte.

Aber dieser Baum war so überladen – mit Früchten und Blättern – dass er schief wuchs.
Er wuchs nicht gerade nach oben wie die anderen Bäume.
Nein, er wuchs schief zur Seite.
Und seine Wurzeln konnten die Last des Baumes fast nicht mehr tragen.
Verzweifelt klammerten sich die Wurzeln ins Erdreich, um den Baum festzuhalten.
Aber der Baum war so stolz auf seine Blätter- und Früchtepracht, dass er gar nicht daran dachte, etwas an seiner Lage zu ändern.

Eines Nachts kam ein gewaltiges Gewitter auf.
Amazonas-Gewitter können sehr, sehr laut und sehr, sehr gewaltig sein.
Und glühende Blitze zuckten am Nachthimmel.
Und irgendwie schien dieser prächtige, schiefe Baum die Blitze anzuziehen.
Das Zentrum des Gewitters zog über den Dschungel und als es direkt über dem Baum schwebte, krachte der Donner laut wie ein ganzes Orchester.
Und ein glühendheller, heißer Blitz schoss herab.
Der Blitz zischte in die Krone des Baumes.
Fast hätte der Blitz den Baum entzwei gespalten und er wäre für immer verloren gewesen.
Aber der Blitz tötete den Baum nicht.
Dafür spaltete er Hunderte von Zweigen und Dutzende von Ästen.
Die Last der Blätter und Früchte fiel zu Boden und ein großer Teil der Pracht, auf die der Baum so stolz gewesen war, war verloren.

Das Gewitter zog vorüber, und der Baum lebte noch.
Er erholte sich schnell vom Schock der Nacht.
Aber er war sehr traurig.
Denn er hatte den größten Teil seiner Schönheit verloren.
Und er verfluchte den Blitz, der ihn heimgesucht hatte.
Aber nach einigen Wochen stellte der Baum fest, dass er sich aufrichtete.
Er wuchs wieder gerade nach oben. Wie die anderen Bäume.
Und seine Wurzeln konnten ihn endlich wieder sicher halten.

Und schließlich schickte der Baum einige liebevolle Gedanken zum Himmel.
Er bedankte sich beim Gewitter.
Er bedankte sich beim Blitz.
Denn er hatte verstanden, dass die Last der Blätter und Früchte ihn bald zu Boden gerissen hätten. Und er hätte sterben müssen…“

Die Rose schwieg, und die Gedanken wirbelten in Melodys Kopf umher wie ein Tornado.
„Die Indianer im Amazonas“, flüsterte die Rose schließlich, „sagen, dass der Blitz die Krankheit ist. Die uns gefährlich werden kann. Die uns aber helfen kann, wieder in Balance zu kommen.“
Melody nickte nachdenklich.
„Dann könnte dieses Quarantäne-Dings auch etwas Gutes sein?“, fragte sie schließlich.
Die Rose schien zu nicken.
„Kluges Kind. Wenn man daraus etwas lernt, dann ja.“
Melody streckte die Hand aus und streichelte die Blütenblätter der Rose.
„Danke, liebe Lehrerin“, wisperte sie.
„Danke, dass du zuhörst“, antwortete die Rose.

Die heutige Schulstunde mit ihrer Freundin, der Rose, beschäftigte Melody noch lange.
Und als sie beim Abendessen mit ihren Eltern über den Baum und den Blitz redete, staunten Mama und Papa nicht schlecht.
„Aber du willst doch jetzt nicht etwa krank werden?“, fragte Melodys Mama.
„Nein, Mama.“ Melody schob sich noch eine Gabel aufgerollte Spaghetti in den Mund.
„Aber wenn ich mal krank werde, dann werde ich versuchen, etwas zu lernen.“

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HABEN euch diese Geschichten inspiriert, vielleicht auch eigene Vorstellungen geweckt. Dann lädt euch Tatjana JETZT mit diesem Bild ein, eure eigene Geschichte zu kreieren!

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Ach ja, gern könnt ihr natürlich auch zu den anderen Geschichten eure eigenen Bilder entwerfen. Was ist es, was euch darin besonders gefallen hat, was ihr zu Papier bringen möchtet. Viel Spass dabei!